Eine "Winterbesteigung" der Marmolada im Sommer
Am Sonntag, den 05. Juli 2009 setzen sich Heinz Vogt, Manfred Hühner und Rüdiger Bollerhei, von der Hochtourengruppe unserer Sektion, mit dem Auto in Richtung Italien in Bewegung. Ziel der Reise sind die Dolomiten, genauer gesagt die Marmolada, mit ihrem höchsten Gipfel, der Punta Penia (3344 m).
Gegen 14.30 Uhr treffen wir drei in Penia ein und nach einem zweistündigen Aufstieg durch das Val di Contrin erreichen wir das gleichnamige Rifugio Contrin (2016 m).
Natürlich erfolgte der Hüttenaufstieg bei strömendem Regen, - denn bei schönem Wetter kann das ja jeder.
Wir beziehen unser Zimmerlager und können es nicht fassen: Luxus pur – Zimmer mit Dusche und WC! - Wir sind entschädigt, - es gibt doch noch Gerechtigkeit.
Am nächsten Tag ist als Eingehtour die Besteigung des Col Ombert (2670 m) geplant.
Vom Rifugio Contrin steigen wir, natürlich wieder im Regen, zunächst in Richtung des Passo die Ombrettola auf, um kurz unterhalb des Passes über schroffiges, steiles Gelände in Richtung Col Ombert zu queren. Diesen besteigen wir über den Normalweg (Ostflanke) und stehen um 12.30 Uhr am Gipfelkreuz, welches sich dezent in Wolken gehüllt hat. An dieser ungastlichen Stätte hält es uns nicht lange und wir steigen eine Stunde über den steil nach unten führenden Klettersteig in Richtung Rifugio Nicolo (2340 m) ab.
Durchnässt und frierend machen wir einen Zwischenstopp im gut geheizten Gastraum des Riugio Nicolo. Der Gastraum selbst strahlt den Scharm einer Provinzbahnhofshalle aus und es drängt sich der Verdacht auf, dass der Wirt bewusst auf jegliche Gemütlichkeit verzichtet hat. Dieses ist ihm perfekt gelungen. Nach zwei Radlern verlassen wir die Hütte und erklettern den unmittelbar bei der Hütte liegenden Aussichtsberg Vernadais (2365 m), der nach Norden hin steil abbricht und einen herrlichen Blick in das Val di Contrin freigibt.
Mit Erreichen des Aussichtsgipfels hat sich das Wetter schlagartig gebessert und die Sonne zeigt sich für uns das erste Mal in der Marmolada. – Es geht doch!
Über sattgrüne Bergwiesen steigen wir schließlich hinunter zum Rifugio Contrin, wo wir noch eine letzte Nacht verbringen.
Am Dienstag ist es endlich soweit. Wir brechen kurz nach 07.00 Uhr in Richtung des höchsten Marmolada Gipfels, der Punta Penia (3344 m), auf. Das Wetter sieht vielversprechend aus, größere Störungen wurden für heute keine gemeldet.
Durch das Val Rosalia steigen wir der Forcella della Marmolada (Marmoladascharte) entgegen. Im oberen Teil, kurz unterhalb der Scharte, gilt es ein 45° steiles Schneefeld zu überwinden, um an den Einstieg der berühmten Via Ferrata Marmolada (Westgrat-Klettersteig) zu gelangen. Direkt in der Scharte liegt noch reichlich Altschnee, der die Sicherungen überlagert. Ein gefahrloses Einsteigen in den Klettersteig ist uns somit nicht möglich, nach beiden Schartenseiten besteht Absturzgefahr. Wir sichern uns mit Bandschlingen und eigenem Seil und überwinden so relativ sicher das Schneehindernis.
Nach wenigen hundert Metern im Steig zieht sich der Berg plötzlich zu, Sturm kommt auf, die Sicht wird schlechter und schlechter. In ca. 3000 m Höhe setzt stärker werdender Schneefall ein und näherkommendes Gewittergrollen ist zu hören. Wir legen ‚einen Zahn zu’, um von dem Grat wegzukommen. Ein Zurück gibt es nicht, es geht nur noch nach Oben, dem Gipfel mit seiner Blitz sicheren Schutzhütte entgegen. Gegen 13.15 Uhr erreichen wir schneebedeckt und durchgefroren die Gipfelhütte.
Wir sind neben Alex, dem Hüttenwirt, die einzigen Übernachtungsgäste der Capanna Punta Penia, da an einen gefahrlosen Abstieg hinunter zum Fedaia See unter den gegeben Voraussetzungen nicht zu denken ist. Der Hüttenwirt gibt sich alle Mühe, unseren Zwangsaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. So wurden wir sogar in die Erstellung des Speiseplanes mit einbezogen und durften Wünsche äußern. Es gab Bratwurst mit Polenta. Es wurden sogar zwei Gasheizungen in Stellung gebracht. Da der kalte Wind aber durch alle Ritzen zog, verpuffte deren Wirkung größtenteils. In feuchten, nach Schimmel riechenden Bettenlagern verbrachten wir eine nicht eingeplante, unruhige Gewitternacht auf dem höchsten Gipfel der Marmolada. Fairerweise muss gesagt werden, dass normalerweise kaum jemand auf der Hütte übernachtet, es sei denn, die Wetterlage zwingt dazu. Trotzdem ein Erlebnis der besonderen Art; – auch für Bergsteiger wie uns, die sich zwischenzeitlich an den gebotenen Luxus des Rifugio Contrin gewöhnt hatten.
Am Mittwochmorgen die Überraschung: Ein halber Meter Neuschnee, strahlend blauer Himmel und eine fantastische Fernsicht auf die gesamten Gipfelstöcke der Dolomiten. Sella, Rosengarten und Langkofel - zum Greifen nahe. Ein Traum !
Wir genießen noch eine ganze Weile den tollen Ausblick und machen uns schließlich über den Marmoladagletscher an den Abstieg in Richtung Fedaia See zur Berggaststätte Cappa Ghiaccialo (2700 m), die etwas oberhalb der Seilbahnstation des Rifugio del Fiacconi (2625 m) liegt.
Von dort bietet sich ein herrlicher Blick hinauf zum Gletscher und zum Gipfel der Punta Penia (3344 m). Nach einer ausgiebigen Rast beschließen wir den Abstieg hinunter nach Penia, wo unser Auto geparkt steht. Nach einem anstrengenden Marsch von vier Stunden, der uns durch einen landschaftlich beeindruckenden, gewaltigen Taleinschnitt führt, erreichen wir Penia. Nach dem Verstauen unseres Gepäcks fahren wir die Fahrstraße hinauf zum Fedaia See und überqueren die zu befahrende Staumauer.
Im erstklassig geführten Berggasthaus ‚Rif. Dolomia’ machen wir für zwei Nächte Quartier.
Es bleibt zu erwähnen, dass wir wieder ein Appartement mit Dusche und WC beziehen und das zum Hotel gehörende Restaurant keine Wünsche offen lässt.
Ein Topp-Haus, welches in jeder Hinsicht weiter zu empfehlen ist.
Am Donnerstag steigen wir am Ostufer des Fedaia Sees hinauf, um den als schwierig eingestuften Klettersteig „Trincee“ zu durchsteigen. Der Steig führt ausgesetzt über die Gipfel und Gipfelchen des Gebirgsstockes der Mesola. Immer wieder stößt man auf Stellungen und Tunnelsysteme aus dem 1. Weltkrieg.
Bevor wir den Steig verlassen können, gilt es einen ca. 300 Meter langen, stockfinsteren Tunnel zu durchschreiten. Hier entstand auch das folgende Gruppenfoto, welches die vorherrschende Dunkelheit eindrucksvoll verdeutlicht.
Nach einer weiteren Nacht begeben wir uns nach dem reichhaltigen Frühstück wieder auf die Heimreise.
Fazit: Die Marmolada zu erkunden ist ein Erlebnis und zwar gleichermaßen für Bergsteiger, als auch für Bergwanderer.
Wer mehr über diese Tour erfahren möchte, hat die Möglichkeit sich die Bildreportage auf der Internetseite www.auf-die-berge.de anzusehen.
Rüdiger Bollerhei
Hochtourengruppe



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