„Ein Hochtourentag ist erst zu Ende, …."

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Bericht von der Hochtour durch die Ötztaler Alpen vom 09.-13. Juli 2011

„Ein Hochtourentag ist erst zu Ende, ....

... wenn man auf der Hütte ist!" Dieser Satz von Manuel bewahrheitete sich auf unserer Hochtour rund um und über die Weißkugel in den Ötztaler Alpen mehrmals.

Aber von vorne:

Am Samstag, 09. Juli gegen 15:00 Uhr schlängelten sich 9 Gestalten von der Bergstation der Grawand Seilbahn oberhalb von Kurzras am Talschluss des Schnalstales einige hundert Höhenmeter den Hang Richtung Schöne Aussicht Hütte hinunter. Beobachtet werden sie vom zehnten Teilnehmer, der dann eine Stunde später auf der Hütte die Hochtourengruppe vervollständigte. Jetzt wurde sich mit Kaffee und Schöner-Aussicht-Torte gestärkt und dann ging es unter der Führung von Manuel und Ralf zu unserem Tagesziel, der Hochjochhospizhütte. Dabei überquerten wir die Grenze nach Österreich, vorbei an einer jetzt nutzlosen Zollhütte und lange mit Blick auf den durch ein Sommerskigebiet verschandelten Hochjochferner. Markiert wird dieser Weg durch künstlerisch gestaltete Steinmännchen, die die Gesetze der Schwerkraft zu ignorieren scheinen.
Abends dann, nach doppelter Portion Fleisch und Buchteln als Nachspeise setzten sich die beiden Seilschaften zusammen, um den nächsten Tag zu planen: Entfernung, Höhenmeter, Steilheit, Beschaffenheit des Gletschers, Orientierungspunkte, Zeitdauer, ... Wir sind gespannt, wie sich unsere Planung am nächsten Tag bewähren wird.
Unser Gipfelziel am Sonntag heißt Fluchtkogel (3500m). Erst geht s 2 Stunden durch Wiesen und Fels, dann auf den Gletscher: Das richtige Tempo finden, das für alle stimmt, gut kommunizieren in der Seilschaft, den geplanten Weg gehen, Hangneigung bestimmen, mit oder ohne Steigeisen gehen - all das gehört zur Ausbildung mit dazu. Leider hatten nicht alle Gipfelglück, denn Jörg zwingen starke Kopfschmerzen dazu, auf dem Gipfel zu warten und Britte steht ihm bei.
Das Tagesziel, die Brandenburger Hütte (3272m) stammt von 1909. In dieser Höhe vor 100 Jahren zu bauen, umgeben von einem - damals noch größeren - Gletschermeer, war eine erstaunliche Leistung. Leider hat sich die DAV Sektion Brandenburg damals auch negativ hervorgetan. Bereits 1909 schloss sie jüdische Mitglieder aus.
Da wir schon nachmittags da sind, üben einige noch Spaltenbergung, abends wird die Tour ausgewertet und die neue Tour geplant. So eine Ausbildungstour verlangt zwar von uns Teilnehmenden mehr, gibt uns aber auch mehr an Sicherheit und Selbständigkeit.

Am Montag ist Kaiserwetter - dabei hatten wir abends noch mit Marschzahl und Kompass eine Gletscherüberquerung im Nebel geplant. In der Realität sind wir froh, dass wir nicht darauf angewiesen sind. Auf dem Weg zur Weißkugelhütte über die Weisseespitze (3510m) sollten wir auch bei strahlendem Sonnenschein viel erleben. Ralf geht vor einem Helikopter in die Knie und rettet die zweite Seilschaft durch eine Notlüge, Jörg muß leider wegen zunehmender Höhenkrankheit ausgeflogen werden (fühlte sich im Tal aber bald wieder pudelwohl), Ralfs Seilschaft erlebte, wie schwierig es ist, einen Rettungsdienst zu finden, der sich zuständig fühlt und in Manuels Seilschaft hat einer mal Luft unter den Füssen und steckt fest, zwischen der Rettungsübung vom Vortag und der heutigen Realität tun sich Gletscherspalten auf und ein anderer merkt dabei, dass die Eisschraube im Rucksack sehr weit weg sein kann.
Bei all diesen Abenteuern wurde der Gipfel fast zur Nebensache und der Abstieg durch Fels mit leichten Kletterpassagen, den Gletscher entlang und unter einer Freiluftdusche noch mal zu einer echten Herausforderung, denn: „Ein Hochtourentag ist erst zu Ende, wenn man auf der Hütte ist!"
Der Begrüßungsschnaps von der sehr netten Weißkugel Hüttenwirtin, verbunden mit einer extrem heißen Dusche und ausgezeichnetem Essen versöhnte uns mit allen - auch gruppendynamischen - Höhen und Tiefen des Tages.

Hochtouren, das wurde an diesem Tag deutlich, bedeuten neben dem Erleben herrlicher Landschaften und uriger Hütten eben auch Selbsterfahrung, Umgang mit eigenen Grenzen und gruppendynamische Prozesse in Belastungssituationen. Hier lässt sich viel für den Alltag im Tal lernen.

Jetzt stand der Höhepunkt der Tour an: Wir wollten uns die Kugel geben, die Weißkugel genauer. Diese gingen wir leider nur noch zu acht an. Jörg und Britta, Ihr habt uns gefehlt!

Nachdem uns Manuel den Ostgrat, von dem es erstaunlicherweise zwei(!) gibt, entschieden ausgeredet hat, konfrontieren wir unsere Planung mit der Realität: zwei Stunden Aufstieg auf geröllbedecktem Gletscher mit der heimeligen Atmosphäre eines geöffneten Kühlschrankes, dann Steigeisen an und durch leicht aufgefirnten Gletscher 2 weitere Stunden bis zum Weißkugeljoch. Hier können wir angesichts des Ostgrates Manuels Entscheidung sehr gut nachvollziehen. Weiter geht es zum Normalweg auf das Hintereisjoch, dann eine herrliche Gletscherflanke hinauf und bis zum Gipfel noch leichte Blockkletterei. Was für ein Erlebnis! Auf dem zweithöchsten Gipfel der Ötztaler, umgeben von Dreitausendern und einer fantastischen Gletscherwelt, dazu noch Kärntner Dörrobst auf dem Gipfel - die Weißkugel ist ein Traumgipfel.

Bis hinunter zum Hintereisjoch und der anschließenden Gletscherüberquerung zur italienischen - pardon Südtiroler Grenze hin sind wir gegen 15:00 Uhr auch noch im Zeitplan mit leichter Verspätung. Aber dann, nachdem wir dachten: Jetzt geht es nur noch locker bis zur Hütte bergab, bestätigte sich wiederum der Satz: „Ein Hochtourentag ist erst zu Ende, wenn ..."
Entlang der Grenze suchen wir den Einstieg auf den Verbindungsweg zur Schönen Aussicht Hütte. Als wir auf gut markiertem, allerdings in der DAV Karte nicht eingezeichneten Weg fast schon auf dem Gipfel des Teufelsecks sind, beschleichen uns Zweifel. Bisher ging es nur bergauf, laut Plan sollte es nur bergab gehen! Wir senden Ralf als Kundschafter aus, der findet den eingezeichneten Weg und endlich kommen auch unsere Helme zum Einsatz. Den schlecht gezeichneten, leicht verfallenen, Steinschlag gefährdeten Weg verlieren wir unterwegs kurz, steigen wieder etwas auf, finden ihn wieder und - unsere Beine bewegen sich mittlerweile automatische - kommen nach 14 Stunden Gehzeit bei der Schönen Aussicht Hütte an. „Ein Hochtourentag ist erst zu Ende, wenn ..." Essen, duschen, auswerten, feiern.

Fazit: Eine Durchquerung mit täglich neuen Herausforderungen, bei der wir viel gelernt, viel erlebt und eine traumhafte, hochalpine Gletscherlandschaft uns ergangen haben. Am Seil erlebten wir, dass Bindung und Freiheit sich nicht ausschließen, sondern dass die Bindung ins Seil neue Freiheiten schenkt, etwas zu wagen, was alleine nicht möglich ist, allerdings auch Übernahme von Verantwortung und gutes Miteinander fordert und fördert.

Vielen Dank an Manuel und Ralf. Ihr ergänzt Euch gut und habt uns alle diese Erfahrungen erst möglich gemacht. Vielen Dank an Britta und Jörg, Veronika und Dirk, Markus, Michael und Wilfried für die gemeinsame Seilschaft sagt der sehr zufriedene Schreiber dieser Zeilen

Stephan Röder