Der lange Weg zum Grand Combin

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Bericht zur Bergtour der Hochtourengruppe am Grand Combin vom 09.09.-12.09.2010

Der Wetterbericht und die Infos aus Deutschland waren gut. Für die große Tour am Grand Jorasses würde die Zeit nicht mehr reichen, aber Ralf Günther hatte schon ein neues Ziel ausgemacht - auch einen Viertausender und zwar den westlichsten Viertausender der Schweiz, den kaum jemand aus Deutschland kennt, geschweige denn besucht. Wir gehen zum Grand Combin.

Nachdem wir, Gerd Röder, Ralph Göttig, Ralf Günter und Uwe Huber, die Tourenbeschreibung gelesen hatten, war klar: Kein ganz einfacher, dafür aber sehr abwechslungsreicher Berg mit steilem Eisflanken und Felskletterei im 3. Grad. Wir stimmten zu und fuhren am Donnerstag dem 9.9. nach dem Frühstück aus dem Aostatal heraus, bis zu dem kleinen Örtchen Bourg- St. Pierre (1632 m ü. NN). Der ca. 4- stündigen Aufstieg zur Valsoreyhütte (3030 m ü. NN, 1400 Höhenmeter) kostete Schweiß, aber der Blick nach Südosten auf einen gigantischen Zackengrat, den wir in Gedanken wagemutig überkletterten, entschädigte schon für einige Mühen.

Auf der Hütte war es erwartungsgemäß ruhig und sehr familiär. Zwei Frauen schmissen den kleinen Betrieb mit Ruhe und Freundlichkeit. Wir hatten im Lager genügend Platz und nach einer großen Portion Reis mit Hühnchen, intensivem Karten- und Führerstudium und einigen Döschen Bier, legten wir uns zeitig aufs Ohr.

Beim Aufstehen um 4 war es nur neblig mit Neuschnee am Boden. Nach dem Frühstück beim Losgehen kam noch Schneefall hinzu und kurz, nur ganz kurz, kam mir ehrlicherweise der Gedanke, dass ich bei ähnlichem Sauwetter auch schon mal wieder ins Lager gekrochen bin...

Aber was half es, in unseren Köpfen war der gute Wetterbericht abgespeichert und so marschierten wir mit Stirnlampen los. 4 Stunden suchten wir nach irgendwelchen Steigspuren im Geröll, nach kleinen Steinmännern, aber der Schnee hatte alles zugedeckt. Mehrere Male bestimmten wir mit Hilfe des GPS unsere Position auf der Karte, aber der Weg zum Col du Meitin blieb uns wie von Geisterhand verschlossen. Das Schuttgelände war zum teil extrem steil und wir mussten beim Absteigen und Queren sehr aufpassen. Als Ralf und ich überlegten in einer Rinne bis zu einem Schneesattel aufzusteigen, riefen Ralph und Gerd, dass sie so etwas wie ein Steinmannerl gefunden haben. Und tatsächlich: Plötzlich tat sich vor uns auf einem Schuttrücken der richtige Pfad auf, der Nebel wich, es hatte aufgehört zu schneien, wir standen plötzlich über den Wolken - der böse Traum war vorbei.

Nach 5 Navigationsübungsstunden unter schwierigen Bedingungen saßen wir also im Col du Meitin und deutlich sahen wir nun den Einstieg zum Grat des Grand Combin - de Valsorey. Um aber weiter aufsteigen zu können war es jedoch schon viel zu spät. So entschieden wir uns nach einer gemütlichen Rast im Windschatten, wieder zur Hütte zurückzugehen und vor allem jetzt den richtigen Weg per GPS aufzuzeichnen.

Der Nachmittag diente der allgemeinen Erholung und dem Entschluss am folgenden Tag noch einen Besteigungsversuch zu starten. Das Wetter sollte nun wirklich super sicher werden, der Weg bis zum Einstieg war klar und elektronisch gespeichert und so schliefen wir nach einer guten Portion Chili con Carne mit Reis besser wie in der letzten Nacht ein.

Bei klarstem Sternenhimmel, wo jeder Stern der Milchstrasse noch zu erkennen war, machten wir uns um 5.00 Uhr auf den Weg. Nach knapp 2 Std. waren wir am Einstieg. Vor uns waren 3 Seilschaften. Die Routenfindung erwies sich als schwieriger wie erwartet. Eine Tschechische Seilschaft gab nach dem ersten „Verhauer" auf und war nicht mehr zu sehen.

In der oberen Hälfte sind jedoch immer wieder neue Bohrhaken gesetzt, an denen man sich prima sichern und orientieren kann. Wir kletterten in zwei Seilschaften, warteten immer gegenseitig was natürlich Zeit kostete und näherten uns mit kleinen Umwegen dem Ziel.

Gegen Mittag waren wir alle am Gipfel des Grand Combin de Valsorey (4184 m ü. NN) angekommen. Das Wetter war bombig, aber uns saß die Zeit im Nacken. Nach eingehender Diskussion entschlossen wir uns nicht mehr auf den Hauptgipfel zu gehen, sondern umgehend den Abstieg über den riesigen, nördlich des Grand Combin gelegenen Gletscher anzutreten. Wir gingen nun wieder an einem Seil. Das Gelände war uns unbekannt, aber das Wetter war absolut sicher. Wo oben am Gipfel noch ein scharfer, eiskalter Wind pfiff, war etwas weiter unten auf der nur schwach geneigten oberen Gletscherterasse kaum noch ein Lüftchen zu spüren.

Wir wussten, dass es durch die steilen Eisbrüche nur einen Durchschlupf gibt und den mussten wir nun finden. Vom Gipfel aus hatten wir weit unten eine Spur gesehen - auf diese Spur steuerten wir zu. Diese Spur... landete jedoch erstmal in einer Sackgasse - Durchkommen nicht möglich. Aber da waren Steigeisenspuren im Eis, hier musste der Durchschlupf sein, auch wenn er verdammt steil aussah. Gerd ging vor, von oben gesichert, zum Teil blankes Eis 50/55 Grad steil, Eisschrauben setzen, langsam weiter, Uwe ganz zum Schluss. Da war die Eissanduhr an der vor einigen Tagen die eine Seilschaft abgeseilt haben musste - das hatte die Hüttenwirtin uns erzählt. Wir seilten nicht ab sondern benutzten sie lediglich zum Weitersichern. Jetzt waren wir schon unterhalb der großen Eisbrüche, aber es blieb so steil, dass wir zum großen Teil nur auf Frontzacken absteigen konnten. Mal mehr Schnee, mal gar kein Schnee, nur Eis und die steile Flanke nimmt kein Ende. Ca. 600 Höhenmeter quälte sich die Flanke in die Tiefe und die Seracs hingen drohend über uns. Unten in der Gletscherebene sehen wir überall die herunter gebrochenen Eisbrocken, was uns schon leicht nervös werden ließ. Gefühlt nach einer halben Ewigkeit gelangten wir auf die untere Gletscherebene, die sich mittlerweile wie ein Parabolspiegel verhielt und alle Sonnenstrahlen bündelte um uns in der Mitte mal richtig einzuheizen. Es war anstrengend bis hier hin und eigentlich dürfte sich die Bergtour nun langsam dem Ende zuneigen. Aber jeder von uns wusste es: Um den Gegenanstieg von gut 200 Höhenmetern bis ins Col du Meitin kommt keiner herum. Nur, was wir von unten, aus dem Parabolspiegel heraus sahen, ließ unsere Herzen nicht gerade höher schlagen: Ein deutlicher Bergschrund unter einer wieder ziemlich steilen Eisflanke. Als wir davor standen, entpuppte sich die ganze Sache als durchaus machbar und nach weiteren 20 Minuten waren wir tatsächlich am Col du Meitin angekommen.

Pause, aber Uwe drängelte mal wieder, Wolken drückten sich langsam hoch und wir mussten noch in Richtung Einstieg durch sehr steiles Schuttgelände queren, was nicht gerade zu unseren Lieblingsdisziplinen gehörte. Bald hatten wir aber den Aufstiegsweg vom Morgen gefunden und konzentrierten uns noch mal richtig für den letzten Abstieg, den wir ja vom Vortag schon kannten.

Nach 14 Stunden und mit viel Durst kamen wir wieder an der Valsoreyhütte an. Die Hüttenwirtin war sichtlich erleichtert als sie uns wiedersah und bereitete für uns schnell noch eine extra große Portion Reis mit Hühnchen, die wir dankbar aufaßen. Den ursprünglichen Gedanken, an diesem Tag noch ins Tal zu wandern und anschließend im Schichtbetrieb nach Hause zu fahren, haben wir einhellig verworfen und gönnten uns noch eine Nacht auf der mittlerweile sehr vollen Hütte.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von der Hütte und seinen Wirtinnen und gingen gemütlich bei herrlichem Wetter Richtung Tal. Die Heimfahrt war wie immer nach einer Bergtour: Auf der einen Seite ernüchternd, weil der Alltag und die Eile einen wieder haben, auf der anderen Seite voll froher Erwartung, die daheim Gebliebenen wieder in die Arme schließen zu können.

Uwe Huber, Hochtourengruppe