Auf schmalen Grat - Hochtouren im Wallis

Am Samstagmorgen, den 05.09.09 starteten Rüdiger Bolerhei, Ralph Göttig, Holger Winning, Uwe Huber, Ralf Günther, Franz Vorsmann und Ute Zimmer, Mitglieder der Hochtourengruppe, mit dem Ziel Kanton Wallis, in die Schweiz. Es ging genauer gesagt nach Saas Amagell, wo wir nach 8 stündiger Fahrt in der Pension Bärgblümli bei Frau Zumbriggen ankamen. Dort konnten wir auch sogleich eine ganze Etage mit unserer Gruppe beziehen. Noch am Nachmittag unternahmen Rüdiger und Uwe eine Wanderung zum Berggasthof „Almagelleralp" und der Rest der Truppe ging zum Erkunden nach Saas Fee.
Saas Fee zählt im Sommer, als auch im Winter zu den beliebtesten Ferienorten der Schweiz und der Tourismus ist somit die Haupteinnahmequelle für die Bevölkerung. Saas-Fee ist autofrei. Automobile müssen im Parkhaus oder auf den offenen Parkplätzen am Dorfeingang abgestellt werden. Im Dorf selber dürfen mit Ausnahme von Arzt, Feuerwehr, Müllabfuhr etc. nur Elektromobile verkehren.

Am nächsten Morgen starteten wir mit kompletter Ausrüstung zu unserem Tagesziel Mischabelhütte. Das Wetter war optimal, alle waren motiviert, fühlten sich fit und die Mischabelhütte auf 3329 m hatten wir ständig vor Augen. Vor uns lagen 1656 Höhenmeter, das heißt ein Marsch von 4,5 Std. Bergkamerad Ralph, der normalerweise immer die Gruppe mit einem beachtlichen Vorsprung anführte, war an diesem Tag leicht gehandicapt, denn er spürte Muskeln in seinen Beinen, die er bis dato gar nicht kannte (Treppenläufe am Herkules sind nun nicht unbedingt was für Mountainbiker).

Der Aufstieg zur Hütte war lang und es war auch noch recht heiß. Die letzten Meter zur Hütte sind drahtseilversichert, aber unschwierig und um 14.30 Uhr hatten wir es geschafft. Der Hüttenwirt begrüßte Ralph mit den Worten „Was seid Ihr denn für Lüt" und die Antwort „Bergsteiger" war nicht unbedingt die richtige, wie sich später herausstellen sollte. Den nächsten Schock erhielten wir, als wir erfuhren, dass die Biervorräte aufgebraucht, und die Wasserleitung eingefroren war. Nachdem wir ein Lager bezogen hatten, erkundeten wir ein wenig die Gegend und begannen mit der Tourenplanung bei bekömmlichen Tee und Wasser.
Mischabel bedeutet übersetzt Mistgabel, und ist eine Anspielung auf die Dreigestirne von Täschhorn, Dom und Lenzspitze, die wie eine Gabel, gesehen von Saas Fee aus, in den Himmel ragen.

Ursprünglich wollte die ganze Gruppe zum Nadelhorn, und einige unerschrockene wollten über den südlichen Teil des Nadelgrates zur Lenzspitze, um von dort aus abzusteigen. Der freundliche Hüttenwirt belehrte Ralf jedoch, dass man den Grat nur hinaufgehen kann und der Abstieg nur über das Nadelhorn erfolgen sollte. Somit trennt sich am nächsten Morgen die Gruppe. Das Ralph - Duo, Franz und Ute gingen über den ENE Grat auf die Lenzspitze ( ZS IV - ). Frisch und munter ging es um 5.00 Uhr los, und schnell stellten wir fest, dass es doch noch recht frisch war. Auf dem Grat ging es zügig bergauf, doch nach und nach wurde der Grad immer steiler. Zum Schluss ging es auf einem Firngrat dem Gipfel entgegen (4294m). Aber das war ja erst die halbe Miete, wir wollten noch über den Nadelgrat zum Nadelhorn. Volle vier Stunden überkletterten wir endlose Türme auf und ab. Mehrfach äußerst exponierte Kletterstellen mit reichlich Luft unter dem Hintern waren lediglich mit Kopfschlingen gesichert zu packen. Die schöne Kraxelei auf über 4200m war anstrengend, wir wurden aber mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Die Bewertung mit ZS, III+ ist zutreffend, nur die Zeitangabe von 2Std. kann der normal Bergsteiger aus Nordhessen kaum einhalten. Irgendwann erreichten auch wir das Etappenziel Nadelhorn (4327 m). Beim Abstieg in das Windjoch, das seinen Namen Ehre macht, fantasierten wir schon von kühlen, isotonischen Getränken. Nach 12 Stunden endet unsere erste „Eingehtour" im Wallis wieder in der Mischabelhütte. Unserer Freude war natürlich riesig, als wir von unseren Bergkameraden, die ebenfalls auf dem Normalweg das Nadelhorn erreicht hatten, mit wohltemperiertem Dosenbier empfangen wurden. Denn am Nachmittag wurde die Hütte mit Nachschub durch einen Heli beliefert, und da sich dank unserem „Hüttenwirtflüsterer" Rüdiger die Kommunikation zwischen der Hochtourengruppe Kassel und dem Wirt merklich besserte, ließen wir den erfolgreichen Tag mit einem zünftigen Essen und Getränken ausklingen.

Am nächsten Morgen ging es hinab nach Saas Amagell und die Gruppe trennte sich auf ein Neues. Ralph, Rüdiger und Uwe zog es zur Weismies und zum Lagginghorn. Ralf, Holger, Franz und Ute fuhren nach Zermatt. Rüdiger gab uns den Tipp, in Randa bei seiner alten Freundin Lina Summermatter, nach Betten im Haus „Bergdohle" zu fragen. Gesagt, getan, und frisch geduscht, ging es mit dem Fredy - Taxi in die Stadt. Sightseeing, Shopping, Kultur, Essen und Trinken. Also ein ganz entspannter nachmittag, bei dem auch mal Frau voll auf ihre Kosten kommen konnte. Am Abend erfolgte die Tourenbesprechung in unserem neu gekrönten Lieblingslokal „Grampis".
Ganz allgemein nennen Bergführer alle, die sich ohne Führer ans Matterhorn wagen, «Grampi». (Der Ausdruck geht auf das französische «Crampon» zurück, stammt aus der Zeit, als die Bergführer noch auf Nagelschuhe setzten, während sich die Touristen von den geschäftstüchtigen Sportartikelverkäufern schon hatten Steigeisen aufschwatzen lassen).

 

Das Matterhorn 4478 m
Wie zahlreicher Literatur zu entnehmen ist, zählt das Matterhorn zu den schönste und berühmtesten Bergen der Welt (es gibt sicher noch andere). Alpinisten aus der ganzen Welt strömen nach Zermatt um wenigstens einmal in ihrem Leben auf diesem tollen, beeindruckendem Gipfel zu stehen. Das Matterhorn wird oft unterschätzt und deswegen forderte der Berg bis heute über 500 Todesopfer. Das Matterhorn ist ein anspruchsvoller Berg und vor allem die Routenfindung ist schwer. Nirgends in den Alpen treten so schnell und heftig Wetterstürze ein wie am Matterhorn. Der Rückweg ist nicht einfacher, sondern schwerer und erfordert nochmals die volle Konzentration. 2500 Bergsteiger versuchen alljährlich, das Schweizer Wahrzeichen zu bezwingen. Bis zu 1500 kommen auch oben an. Unter den Übrigen siegt oft im letzten Moment die Vernunft, und sie kehren um, andere müssen von der Bergwacht aus misslichen Lagen befreit werden. Für rund zehn Personen pro Sommersaison endet das Abenteuer tödlich. Seit der Erstbesteigung im Sommer 1865 hat das «Horu» 500 Menschen umgebracht. Mehr Tote wurden bisher noch an keinem Berg der Welt gezählt.
Schon die Erstbesteiger, angeführt von Edward Whymper, einem jungen Graveur aus London, kamen nicht vollzählig wieder lebend runter. Am Anfang waren sie sieben, am Schluss noch drei. Rauf kamen die Engländer überraschend leicht. Oben auf dem Gipfel warfen sie triumphierend Steine auf die Italiener. Die hatten es am gleichen Tag von der anderen Seite her versucht. Sie wurden um ein paar Stunden geschlagen. Doch die Siegerlaune verging Whymper und seinen Leuten rasch. Beim Abstieg rutschte ein Mann namens Douglas Hadow aus und riss drei weitere mit sich in die Tiefe, wo ein schneller Tod und langer Nachruhm auf sie wartete. Hadows Schuh haben auch wir am Vortag im Matterhorn-Museum besichtigt.

Mit all diesen Informationen im Kopf fuhren wir am nächsten Morgen mit der Bahn zum Hotel Schwarzsee. Auf einem tollen Panoramaweg, mit fantastischer Aussicht gingen wir zur Hörnlihütte, das Matterhorn immer vor Augen. Nach einer kurzen Rast auf der Terrasse, die bei dem Topwetter absolut überfüllt war, machten wir einen kleinen Erkundungsgang, damit wir in der kommenden Nacht auch die richtige Route finden. Zum Abendessen fanden wir uns wieder in der Hütte ein. Mit gemütlich, muckelig und freundlich war der Aufenthalt nicht zu beschreiben. Wir hatten natürlich wieder das Glück, dass es kein Wasser gab, dementsprechende duftete die ganze Hütte. Bei solchen Touren legt man zwar keinen großen Wert auf Wellnessoasen und Duschen, aber etwas Wasser, um sich z. B. vor dem Essen die Hände zu waschen, die vom Klettern völlig verdreckt sind, ist nicht verkehrt. Nun gut, zu unserem selbstgewählten Schicksal gehört es auch, das Lager mit schnarchendem internationalem Bergpublikum zu teilen. Um 4.30 Uhr ist das erste Wecken für die Gäste, die mit ihren Bergführern starten. Wir kamen mit als letzte in den Frühstücksraum und konnten uns aus den übrig gebliebenen Resten von Brot, Marmelade und Nescafe mit Pappgeschirr etwas zusammenstellen. Um 5.30 Uhr standen wir am Einstieg und hangelten uns an den ersten Fixseilen hinauf. Am Berg vor uns zappelten schon viele Glühwürmchen, bis zum ersten Stau. Unsere, am Vortag erkundete Variante, schien recht günstig zu sein. Wie schon erwähnt ist es nicht leicht, den Weg zu finden. Natürlich ließen auch wir uns durch das souveräne Auftreten einer englischen Seilschaft täuschen, wir tappten hinterher, und machten somit einen kurzen Abstecher in die Ostwand. Über Felsstufen, Schutt und Geröllhalden ging es ständig bergauf. Von der Eleganz und Schönheit des Berges war hier oben nichts mehr zu spüren. Üblich sind am Matterhorn Zweierseilschaften. Weil es zu lange dauert, sich überall zu sichern, fällt, wer fällt, sehr oft zu zweit und recht tief. Das ist auch der Grund, warum die Zahl der Toten am Matterhorn meist eine gerade ist. Nach kurzer Zeit waren wir auf einmal allein und erreichten die Solvayhütte (4003 m) Dies ist eine Notunterkunft in 4003m Höhe. Der Gestank von Fäkalien war unerträglich, sodass man diese Hütte nur im äußersten Notfall benutzen will und auch darf. Von nun an seilten wir uns an und sicherten uns an den schwierigsten Stellen. Eisenstifte und dicke Fixseile halfen uns gut, um über die sogenannte Schulter zu kommen. Es folgte ein steiler Abschnitt, in welchem wir keine Sicherungsmöglichkeiten ausließen. Gegen ein Uhr erreichen wir den Gipfel. Ralf und ich mutterseelenallein in 4478 m Höhe, und die Sonne freute sich mit uns. (Holger und Franz waren etwas schneller) Es war ein ganz merkwürdiges Gipfelgefühl, denn der heftige Rückweg stand uns ja noch bevor. Ringsum ging der Blick weit in die Tiefe, Berge wie Dent d'Hérens und Dent Blanche erschienen ziemlich winzig. Am Gipfel gab es nur wenig Platz und eine Statue des heiligen Bernhard mit einem Blitzableiter auf dem Kopf. Schnell ein paar Fotos und dann wieder hinab. Mittlerweile waren wir fast allein an dem Berg, ab und an flog ein Heli ziemlich nah heran, um wahrscheinlich Fotos von uns zu machen. Meine letzten Kräfte konnte Ralf mit der Drohung mobilisieren, dass wir zur Not in der verdreckten Solvay - Hütte biwakieren müssen, falls wir in die Dunkelheit geraten. Alles, nur das nicht. Nach 13 Stunden stand auch ich dann wieder in der Hörnlihütte und freute mich meines Lebens.

Zur gleichen Zeit gingen Ralph und Uwe über den Südgrat und Rüdiger „Free solo" auf dem Normalweg auf das Lagginghorn.
Dass wir es am nächsten Abend mit der ganzen Gruppe im „Grampis" in Zermatt richtig knallen ließ war klar.

Ute Zimmer
Hochtourengruppe